Ein ganzes Dorf verschwindet

Wüstung Rockenfeld: Aufgegeben, verlassen – weltberühmt

Ein ganzes Dorf, das von der Landkarte verschwindet: Dieses Schicksal ereilte die Gemeinde Rockenfeld in der Nähe von Neuwied in den 1960er-Jahren. Die Geschichte fasziniert bist heute – auch wegen eines weltberühmten Namens. Wir blicken ins Archiv.

In Neuwied erinnert derzeit eine Ausstellung an das in den 1960er-Jahren aufgegebene Dorf Rockenfeld. Damals zu Feldkirchen gehörig, ist Rockenfeld heute eine Wüstung und nur noch wenig erinnert an das damalige Dorfleben. Wer sich dieser Tage auf Spurensuche begeben will, sollte etwas Wagemut mitbringen. Der folgende Artikel entstammt unserem Archiv und ist so im März 2021 erschienen. Wegen des hohen Interesses an der Geschichte Rockenfelds veröffentlichen wir ihn erneut:

Um zur Wüstung zu gelangen, geht es von Rheinbrohl aus etwa acht Kilometer den Berg hinauf. In der Römerstadt gibt es sogar noch einen Wegweiser mit der Aufschrift Rockenfeld. Die Kreisstraße 1, die vor dem Zweiten Weltkrieg als erste größere Verbindung nach Rockenfeld angelegt wurde, schlängelt sich in engen Verwindungen durch ein weitläufiges Waldgebiet.

Die kurvige Straße, die von Rillen, Wellen und Schlaglöchern gekennzeichnet ist, erlaubt maximal das Fahren im dritten Gang. Entsprechend lange dauert es, bis man das auf etwa 330 Metern gelegene Dörfchen erreicht hat – beziehungsweise das, was davon übrig ist.

Rockenfeld liegt abgelegen und war im Norden, Süden und Westen von den Waldgemarkungen der deutlich älteren Talsiedlungen Rheinbrohl, Hammerstein und Leutesdorf umgeben. Im Osten stößt der Datzerother Wald an die Ortsgrenze – so schreibt es Albert Meinhardt 1976 im Kreisheimatjahrbuch. Heute würde man wohl eher sagen, dass Rockenfeld nicht am, sondern im Wald liegt, denn die Natur hat einen Großteil der ehemaligen Siedlungsfläche zurückerobert. Dort, wo seinerzeit die Dorfschule stand, wächst mittlerweile eine Buchenkultur in die Höhe.

Heute erinnert nur noch wenig an die Siedlung auf der bewaldeten Anhöhe: An der Abbiegung, an der die Ortsdurchfahrt auf die Kreisstraße 1 führt, steht ein stark verwittertes und ausgeblichenes Straßenschild mit der Aufschrift Rheinbrohl. Im ehemaligen Ortskern ist auf der Fläche des damaligen Gemeindeweihers außerdem noch ein Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege geblieben.

Zumindest für den Zweiten Weltkrieg ist überliefert, dass Rockenfeld schwere Verluste zu beklagen hatte – lediglich vier der zwölf eingezogenen jungen Männer kamen nach 1945 zurück in den Ort. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 50 Einwohnern zu jener Zeit war dies ein herber Verlust für die Dorfgemeinschaft. Ebenfalls erhalten ist der Bordstein der ehemaligen Ortsdurchfahrt, der mittlerweile allerdings großflächig bemoost ist. Am Waldrand findet sich außerdem ein stark beschädigter Ziegelofen, dessen Historie sich aber nicht erklären lässt.

Doch warum wurde die einst kleinste Gemeinde im Kreis Neuwied, wie Albert Meinhardt Rockenfeld im Heimatjahrbuch 1976 beschreibt, und die 1908 mit 61 Einwohnern verteilt auf 11 Häuser ihre maximale Größe erreicht hatte, aufgegeben und schließlich verlassen und abgerissen? Um diese Frage klären zu können, muss man etwas weiter ausholen.

Die Lebensbedingungen in Rockenfeld waren seit Anbeginn der Rodungssiedlung hart. Es gab wenig Arbeit, und raues Klima sowie karge Böden sorgten bereits in der Frühphase des Ortes dafür, dass viele junge Menschen ins Wied- und Rheintal abwanderten. Der Name „Rockenfelder“ (der, der aus Rockenfeld stammt) etablierte sich daher schnell in allen wiedischen Orten und auch im kurtrierischen Arienheller. Nachfahren dieser Aussiedler verschlug es sogar nach Übersee – dort entfiel schnell das „n“ in der Mitte des Familiennamens. Ölmagnat John Davison Rockefeller, der als erster Milliardär der Weltgeschichte zu großem Ruhm gelangte, hat beispielsweise nachweislich wiedische Ahnen aus Segendorf und Ehlscheid. Auch die Vorfahren von Nelson Aldrich Rockefeller (41. Vizepräsident der USA von 1974–1977) stammen von Rhein und Wied.

Erstmals urkundlich erwähnt wird das namensgebende abgeschiedene Rockenfeld 1280 als Teil der Gerichtbarkeit Hammerstein, nicht aber als Teil deren Territoriums. Rockenfeld gehörte seit jeher zum Gebiet der Grafen zu Wied, was auch den Umstand erklären könnte, dass der Ort, der rund 22 Straßenkilometer vom Neuwieder Stadtzentrum entfernt liegt, stets Bezug zur Deichstadt hatte.

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